„Volle Mediation" fixiert den direkten Pfad c' auf 0 — eine echte,
testbare Annahme. Stimmt sie nicht (wahres c'≠0), verschlechtert sich der Fit sichtbar.
Kennwerte
📋 Vom Messmodell zum Strukturmodell
Die CFA hat geprüft, ob die Item-Struktur (X = V1–V4 verbal, Y = S1–S4 räumlich) zu den Daten
passt. Ein Strukturgleichungsmodell (SEM) geht einen Schritt weiter: es setzt einen
gerichteten Regressionspfad zwischen die latenten Faktoren — statt nur ihre Korrelation zu schätzen,
schätzt es, wie stark X sich auf Y auswirkt, nachdem beide um Messfehler bereinigt sind.
Würdest du stattdessen einfach die Summenscores der Items bilden (klassischer Test-Score-Ansatz)
und diese direkt regredieren, wäre der geschätzte Zusammenhang durch Messfehler attenuiert —
unreliable Items ziehen jede Korrelation Richtung 0 (siehe Messfehler & Attenuierung). SEM modelliert die
latenten Faktoren direkt aus den Items und rechnet Messfehler explizit heraus — der geschätzte
Strukturpfad zielt auf die wahre, unattenuierte Beziehung. Die Vergleichskarte weiter unten zeigt
genau diese Lücke live.
📋 Das Mediationsbeispiel
X — Verbale Fähigkeit (V1–V4) wirkt sich vielleicht nicht nur direkt auf
Y — Räumliches Denken (S1–S4) aus, sondern auch indirekt über
M — Arbeitsgedächtnis (drei zusätzliche Subtests, M1–M3): Wer verbal stärker ist, hat oft
auch eine höhere Arbeitsgedächtniskapazität — und die wiederum hilft beim Lösen räumlicher Aufgaben. Die
Regler links stellen ein, wie stark X auf M wirkt (a), M auf Y (b) und ob X zusätzlich einen direkten Weg
an M vorbei hat (c').
① Pfaddiagramm — spezifiziertes Modell
Bei nur 2 Konstrukten ist die Pfeilrichtung nicht empirisch prüfbar. X→Y ergibt exakt dieselbe
implizierte Kovarianzmatrix (und denselben Fit) wie Y→X oder eine bloße Korrelation (CFA) — mit einem einzigen
freien Pfad zwischen zwei Faktoren gibt es keinen Freiheitsgrad, der die Richtung testen könnte. Die Pfeilrichtung
ist hier eine inhaltliche Annahme, keine Schlussfolgerung aus diesen Daten. Erst ab 3 Konstrukten
(Mediationsmodell rechts) wird das Strukturmodell empirisch informativ.
④ lavaan-Syntax (R) — passend zum spezifizierten Modell
Cutoffs nach Hu & Bentler (1999), mit Vorbehalt (siehe Hilfe). Dieses Tool schätzt selbst per
Maximum-Likelihood auf der (bekannten) populationsimplizierten Kovarianzmatrix — lavaan würde
dieselbe Struktur auf echten Daten schätzen und zusätzlich Standardfehler/p-Werte liefern.
Lernkarten
① CFA vs. SEM
Die CFA schätzt nur das Messmodell plus eine ungerichtete
Faktorkorrelation Φ. Ein SEM ersetzt Φ (teilweise) durch gerichtete
Strukturgleichungen zwischen den Faktoren — dasselbe Messmodell, aber jetzt mit Regressionspfaden statt
(nur) Korrelationen dazwischen.
② =~ misst, ~~ korreliert, ~ regressiert
Drei lavaan-Operatoren, drei Modellteile: =~ definiert das Messmodell
(Faktor → Items), ~~ eine Kovarianz/Korrelation (ungerichtet, wie in der CFA),
~ eine Regression (gerichtet — der eigentliche „Struktur"-Teil von SEM). Ein
SEM nutzt typischerweise alle drei; cfa() und sem() in lavaan sind fast identisch,
sem() ist nur der übliche Aufruf, sobald ~-Zeilen vorkommen.
③ Warum Messfehler-Korrektur wichtig ist
Ein Summenscore ist nur eine Annäherung an den latenten Faktor — seine
Reliabilität (ω) ist fast nie 1. Jede Regression auf solchen Scores attenuiert den wahren
Zusammenhang um den Faktor √(ωX·ωY). SEM umgeht das, indem es den Faktor direkt aus den
Einzelitems modelliert — der Strukturpfad zielt auf die Beziehung zwischen den Konstrukten, nicht
zwischen ihren fehlerbehafteten Indikatoren.
④ Indirekte Effekte sind besonders anfällig
Bei Mediation multipliziert sich die Attenuierung: der manifeste indirekte Effekt
â·b̂ ist ungefähr um ωX·ωM·ωM·ωY gedämpft (Messfehler in X und
M wirken doppelt). Bei realistischen Reliabilitäten kann das den geschätzten indirekten Effekt drastisch
unterschätzen — ein Hauptargument für latente statt manifeste Mediationsanalyse.
⑤ Volle vs. partielle Mediation — echt testbar
Anders als der einfache X→Y-Pfad (Lernkarte „nicht empirisch prüfbar" oben) ist die
Frage „läuft der Effekt vollständig über M?" ab 3 Konstrukten eine echte Modellrestriktion (c'=0)
mit eigenem Freiheitsgrad. Passt der Fit bei c'=0 schlechter, spricht das für einen zusätzlichen direkten
Pfad — partielle Mediation.
⑥ Was dieses Tool nicht zeigt
Keine echte Stichprobenziehung, keine Standardfehler/Signifikanztests der Pfade, keine
Moderation oder nichtrekursive (rückgekoppelte) Modelle. Für die manifeste Mediation mit echten
Signifikanztests (Sobel, Bootstrap) siehe Mediationsanalyse.
Strukturgleichungsmodell — Hintergrund
Was dieses Tool zeigt — und was nicht
Zeigt: ein 2- oder 3-Konstrukt-SEM (CFA-Messmodell + gerichtete
Strukturpfade) mit echter Maximum-Likelihood-Anpassung, plus einen direkten, geschlossen berechneten
Vergleich zum naiven Summenscore-Ansatz. Nicht hier: echte Stichprobenziehung/Standardfehler
der Pfade, freie Item-Faktor-Zuordnung, Moderation, nichtrekursive Modelle, Mehrgruppen-SEM.
Strukturmodell als Kovarianz-Reparametrisierung
Bei standardisierten Faktoren (Var=1) ist ein einzelner Pfad Y~β·X rechnerisch
identisch mit Φ=[[1,β],[β,1]] aus der CFA — nur die Interpretation (gerichtet vs. ungerichtet) ändert
sich. Bei Mediation ergibt Pfadverfolgung (Wright'sche Regeln) die 3×3-Struktur
Φ=[[1,a,ab+c'],[a,1,b+ac'],[ab+c',b+ac',1]] — geschlossen hergeleitet und gegen eine unabhängige
Monte-Carlo-Simulation (200.000 Fälle) auf zwei Nachkommastellen bestätigt, bevor dieses Tool gebaut wurde.
Kein neuer Mechanismus: dieselbe Aggregation, die die Summenscore-Kovarianzmatrix liefert,
wird für die latente Modell-Kovarianzmatrix ebenfalls verwendet — nur eben vor statt nach der
Aggregation gefittet. Bei Mediation wird der manifeste indirekte Effekt als partielle Standardregression
(Y auf M und X, beide standardisiert) aus derselben aggregierten Korrelationsmatrix bestimmt.
Fit-Indices
Dieselben Formeln und Cutoff-Vorbehalte wie im CFA-Tool (χ², CFI, TLI, RMSEA, SRMR — dort im
Detail mit Formeln und Interpretation erklärt: → CFA-Hilfe öffnen). Die Strukturgleichungen
ändern nur, welche Kovarianzen als „erklärt" gelten — nicht, wie der Gesamtfit berechnet wird. Ein SEM
mit Strukturpfaden hat exakt dieselbe Fit-Statistik wie die zugrundeliegende CFA mit derselben Zahl freier
Parameter.
Vorteile von SEM gegenüber Einzel-Analysen
Alle Pfade gleichzeitig testen. Ein klassischer Mediations-Dreischritt
(Baron & Kenny, 1986) schätzt a, b und c' in separaten Regressionen nacheinander — jede mit
eigenem Messfehler, ohne Gesamt-Fit-Test. SEM schätzt alle Parameter des gesamten Modells in einem
einzigen Schritt (Full-Information-ML), inklusive aller Kovarianzen zwischen den Messfehlern der
einzelnen Gleichungen — statistisch effizienter und mit einem einzigen Fit-Test für die ganze Theorie,
nicht nur für einzelne Pfade.
Beliebig komplexe Modelle. Dieses Tool zeigt maximal 3 Konstrukte, aber das
Prinzip skaliert: mehrere Prädiktoren, mehrere parallele oder serielle Mediatoren, mehrere Outcomes,
übergeordnete (Faktor-2.-Ordnung-)Konstrukte — alles in einem Modell, mit einem gemeinsamen Fit.
Formaler Modellvergleich. „Volle vs. partielle Mediation" (dieses Tool) ist
ein Spezialfall eines allgemeinen Prinzips: verschachtelte Modelle (ein Modell entsteht durch
Fixieren von Parametern des anderen) lassen sich per χ²-Differenztest oder Informationskriterien (AIC, BIC)
formal vergleichen — eine explizite statistische Entscheidung zwischen konkurrierenden Theorien, nicht nur
„schaut man sich die Koeffizienten an".
Explizite, falsifizierbare Theorie. Jede Fixierung (Ladung = 0, Pfad = 0,
Kovarianz = 0) ist eine öffentlich sichtbare, testbare Annahme — das Modell zwingt zur Präzisierung
dessen, was die Theorie eigentlich behauptet, statt es implizit zu lassen.
Weiter ausbaubar. Dieselbe Logik erweitert sich auf Mehrgruppen-Vergleiche
(→ Messinvarianz),
auf mehrere Methoden pro Trait gleichzeitig (→ MTMM),
Wachstumsmodelle (Veränderung über Zeit) und kategoriale/ordinale Indikatoren — hier nicht gezeigt, aber
derselbe Rahmen.
Nachteile & Grenzen
Guter Fit beweist nicht die richtige Kausalstruktur. Dieses Tool zeigt es
selbst: Bei 2 Konstrukten ist X→Y ununterscheidbar von Y→X oder einer bloßen Korrelation. Auch bei mehr
Konstrukten gilt: gleich guter Fit ist oft mit mehreren, teils gegensätzlichen Kausalstrukturen vereinbar
(äquivalente Modelle) — Fit allein entscheidet nie zwischen ihnen, nur Theorie und Studiendesign
(Randomisierung, Zeitreihen) können das.
Größere Stichproben nötig. Mehr freie Parameter brauchen mehr Fälle für
stabile Schätzungen — Faustregeln reichen von n ≈ 10–20 pro freiem Parameter, bei komplexeren Modellen
schnell einige Hundert Fälle.
Verteilungsannahmen. Die Standard-ML-Schätzung setzt multivariate
Normalverteilung voraus; bei starker Verletzung (z. B. kategoriale Items, Ausreißer) werden Standardfehler
und χ² verzerrt — robuste Schätzer oder WLS-Verfahren sind dann nötig, hier nicht gezeigt.
Spezifikationssuche als Falle. Reale Software zeigt Modifikationsindizes,
die anzeigen, welche zusätzliche Fixierung den Fit am meisten verbessern würde. Das post-hoc, datengetrieben
zu nutzen (statt vorab theoretisch zu begründen), erhöht die Fehlerquote drastisch — dieselbe Logik wie bei
Data Dredging.
Nur so gut wie das Messmodell. Eine falsche Fixierung im Messmodell
(siehe CFA-Tool) verzerrt die strukturellen Schätzungen mit — und ist am Gesamtfit oft nicht leicht
vom eigentlich interessierenden Strukturproblem zu unterscheiden.
Literatur
Tomarken, A. J. & Waller, N. G. (2005). Structural equation modeling: Strengths,
limitations, and misconceptions. Annual Review of Clinical Psychology, 1, 31–65. Kline, R. B. (2023). Principles and Practice of Structural Equation Modeling (5th ed.). Guilford. Baron, R. M. & Kenny, D. A. (1986). The moderator-mediator variable distinction. Journal of
Personality and Social Psychology, 51, 1173–1182. Cole, D. A. & Preacher, K. J. (2014). Manifest variable path analysis: potentially serious and misleading
consequences due to unreliability. Psychological Methods, 19(2), 300–315. MacCallum, R. C. & Austin, J. T. (2000). Applications of structural equation modeling in psychological
research. Annual Review of Psychology, 51, 201–226. Rosseel, Y. (2012). lavaan: An R Package for Structural Equation Modeling. Journal of Statistical Software,
48(2). Hoyle, R. H. (Hrsg.) (2023). Handbook of Structural Equation Modeling (2. Aufl.). Guilford Press.