Nur S1 hat in Wahrheit eine Kreuzladung auf F1 — die
restlichen 7 Items laden rein auf ihren Faktor. So lässt sich Fehlspezifikation auf genau ein Item zurückführen.
Szenarien
Spezifiziertes Modell
Faktorkorrelation
Kreuzladung S1→F1
Diese zwei Schalter bestimmen, was das Modell annimmt —
unabhängig davon, was in der Population (links) tatsächlich gilt. Weichen sie von der Wahrheit ab, entsteht Misfit.
Kennwerte
📋 Von der explorativen zur konfirmatorischen Faktoranalyse
Die Faktoranalyse (EFA) hat die Struktur des 8-Item-Kognitionstests (V1–V4 verbal, S1–S4 räumlich)
gesucht. Bei der konfirmatorischen Faktoranalyse (CFA) ist es umgekehrt: Die Theorie legt
vorher fest, welches Item auf welchen Faktor lädt — man testet, ob diese Struktur zu den Daten passt.
Hier stellst du links die wahre Population ein und rechts, was das spezifizierte Modell annimmt —
und siehst, wie stark die typischen Fit-Indices reagieren, wenn beides auseinanderfällt.
①Modell spezifizieren. Item→Faktor-Zuordnung steht fest (V-Gruppe→F1, S-Gruppe→F2). Du entscheidest nur: dürfen F1/F2 korrelieren, und ist S1s Kreuzladung im Modell bekannt? → Pfaddiagramm ansehen
②An die Population anpassen. Das Tool schätzt die freien Parameter des spezifizierten Modells so, dass die implizierte Kovarianzmatrix der wahren so nah wie möglich kommt (Maximum-Likelihood) — echte Schätzung, kein Analogie-Trick.
③Fit prüfen. χ², CFI, TLI, RMSEA, SRMR zeigen, wie gut die Anpassung gelungen ist. → Fit-Indices ansehen
④Fehlspezifikation erkennen. Schalte „Orthogonal" oder „Ignorieren" ein, obwohl die Population etwas anderes vorgibt — beobachte, wie der Fit einbricht.
④ lavaan-Syntax (R) — passend zum spezifizierten Modell
Cutoffs nach Hu & Bentler (1999). Dieses Tool schätzt selbst per Maximum-Likelihood auf der
(bekannten) populationsimplizierten Kovarianzmatrix — lavaan würde dieselbe Struktur auf echten Daten
schätzen und zusätzlich Standardfehler/p-Werte für jeden Parameter liefern (hier nicht simuliert, siehe Hilfe).
Lernkarten
① EFA vs. CFA
In der EFA bestimmen die Daten, welches Item auf welchen Faktor lädt (alle
Ladungen frei, dann interpretiert man das Muster). In der CFA legt die Theorie die Struktur
vorher fest — die meisten Ladungen sind auf 0 fixiert (Simple Structure), nur wenige sind frei. Der Fit
testet, ob diese Restriktion mit den Daten verträglich ist.
② Warum Fehlspezifikation den Fit verschlechtert
Jede Fixierung (z. B. „Kreuzladung = 0" oder „Φ = 0") ist eine Annahme. Stimmt
sie, kostet sie nichts — das Modell trifft die wahre Kovarianzmatrix trotzdem exakt. Stimmt sie nicht, kann das
Modell die betroffenen Kovarianzen nicht mehr reproduzieren; der Rest-Unterschied (Residuum) treibt χ² nach oben
und CFI/TLI nach unten.
③ Freiheitsgrade hier
df = mögliche eindeutige Kovarianzen/Varianzen (8·9/2 = 36) minus geschätzte freie Parameter
(8 Ladungen + 8 Fehlervarianzen + ggf. 1 Kreuzladung + ggf. 1 Faktorkorrelation). Jede zusätzliche Fixierung
(Orthogonal, Kreuzladung ignorieren) erhöht df um 1 — das Modell wird sparsamer, aber riskiert Misfit.
④ TLI über 1.00?
Anders als CFI ist TLI nicht auf 1 gedeckelt — bei einem sehr sparsamen,
gut passenden Modell (viele df, kaum Misfit) kann TLI leicht über 1 liegen. Das ist kein Fehler, sondern eine
bekannte Eigenschaft der Formel; lavaan zeigt denselben Effekt.
⑤ Was dieses Tool nicht zeigt
Keine echte Stichprobenziehung, keine Standardfehler/p-Werte der Ladungen, keine
Modifikationsindizes (welche einzelne Fixierung lockern?). N = 300 dient nur dazu, den populationsimplizierten
Diskrepanzwert in ein realistisches χ² umzurechnen — es wird nicht wirklich simuliert.
⑥ Und weiter?
Das nächste Tool in dieser Reihe erweitert die CFA um strukturelle Pfade
zwischen den Faktoren (Regression zwischen latenten Variablen statt nur zwischen Faktor und Items) —
ein Strukturgleichungsmodell (SEM), mit denselben Brücken zu Regression und Mediation, nur mit
latenten statt beobachteten Variablen.
→ Strukturgleichungsmodell (SEM)
Konfirmatorische Faktoranalyse — Hintergrund
Was dieses Tool zeigt — und was nicht
Zeigt: ein 2-Faktor-CFA-Modell mit fest vorgegebener Item-Faktor-Zuordnung, zwei
Fehlspezifikations-Schalter (Faktorkorrelation, eine Kreuzladung) und die daraus resultierenden Fit-Indices —
per echter Maximum-Likelihood-Anpassung an die (bekannte) populationsimplizierte Kovarianzmatrix, keine
Analogie-Formel. Nicht hier: echte Stichprobenziehung/Standardfehler, freie Item-Faktor-Zuordnung,
Modifikationsindizes, Mehrgruppen-CFA (→ Messinvarianz).
Σ ist die wahre (populationsimplizierte) Kovarianzmatrix, Σ(θ) die des spezifizierten Modells mit
den aktuell besten Parametern θ. Das Tool minimiert F_ML numerisch über alle freien Parameter
(Koordinatenabstieg) — bei korrekt spezifiziertem Modell landet dieses Minimum bei praktisch exakt 0.
Fit-Indices — im Einzelnen
Index „M" = spezifiziertes Modell, „B" = Baseline-/Unabhängigkeitsmodell (alle Kovarianzen auf 0
fixiert — der denkbar schlechteste sinnvolle Vergleichspunkt). CFI und TLI setzen den Fit relativ zu diesem
Nullpunkt; RMSEA und SRMR sind absolute Misfit-Maße, die ohne Vergleichsmodell auskommen.
Wie viel besser ist das Modell als die Annahme „keinerlei Zusammenhänge zwischen den
Items"? Relativ zum Baseline-Modell, dadurch auf [0,1] begrenzt und vergleichsweise robust bei kleinen
Stichproben.
Wie CFI relativ zum Baseline-Modell, aber zusätzlich parsimonie-korrigiert
— ein Modell mit vielen df (wenig geschätzten Parametern) wird bei gutem Fit begünstigt. Deshalb nicht
auf 1 gedeckelt (siehe Lernkarte „TLI über 1.00?").
RMSEARoot Mean Square Error of Approximation · 0–1, niedriger = besser
RMSEA = √( max(0, (χ²_M−df_M) / (df_M·(N−1))) )
Misfit pro Freiheitsgrad, unabhängig von einem Vergleichsmodell. Bestraft unnötig
komplexe Modelle (wenig df); übliche Praxis berichtet zusätzlich ein 90%-Konfidenzintervall (hier nicht
berechnet, da keine echte Stichprobenziehung stattfindet).
SRMRStandardized Root Mean Square Residual · 0–1, niedriger = besser
SRMR = Wurzel des mittleren quadrierten standardisierten Residuums
Direktestes Maß: wie weit liegen Modell- und wahre Korrelationsmatrix im Schnitt
auseinander? Behandelt jedes Residuum gleich gewichtet — ein einzelnes stark fehlspezifiziertes Item (wie
hier S1) kann daher untergehen, wenn die übrigen 27 Zellen perfekt passen.
Cutoffs sind eine Heuristik, keine Naturkonstante. Die verbreiteten Schwellen CFI/TLI ≥ .95,
RMSEA ≤ .06, SRMR ≤ .08 stammen von Hu & Bentler (1999) und werden am häufigsten zitiert — aber sie wurden aus
einer begrenzten Zahl simulierter Modelltypen abgeleitet und sind nicht universell gültig.
Wie stark ein Cutoff angemessen ist, hängt von Faktorenzahl, Itemzahl, Stichprobengröße und Art der
Fehlspezifikation ab. Hu & Bentler selbst wiesen bereits darauf hin, dass modellspezifische Simulationen
genauer sind als fixe Grenzwerte; neuere Arbeiten (z. B. McNeish & Wolf, 2023, „Dynamic Fit Index") führen das
konsequent fort: Für die eigene Modellstruktur wird per Simulation ermittelt, welche Fit-Werte bei
welchem Grad an Fehlspezifikation zu erwarten sind — statt sich auf die generischen .95/.06/.08-Werte zu
verlassen, die für ein völlig anderes Modell kalibriert wurden.
Die zwei Fehlspezifikations-Schalter
Orthogonal erzwungen: Das Modell fixiert Φ = 0, obwohl die Faktoren in Wahrheit
korrelieren (φ-Regler). Die dadurch erzwungenen Null-Kovarianzen zwischen der V- und S-Gruppe können nicht
reproduziert werden — der Fit verschlechtert sich systematisch mit wachsendem wahren φ.
Kreuzladung ignoriert: Das Modell fixiert S1s Ladung auf F1 auf 0, obwohl sie in
Wahrheit ungleich 0 ist (λx-Regler). Der Misfit konzentriert sich auf die 7 Kovarianzen zwischen S1 und den
übrigen Items — ein klassisches Beispiel für eine durch Modifikationsindizes auffindbare Fehlspezifikation.
Warum ein eigener Optimierer?
Für ein fehlspezifiziertes Modell gibt es keine geschlossene Formel für die beste Anpassung — sie
muss numerisch gesucht werden, genau wie es lavaan mit echten Daten tut. Dieses Tool implementiert
dafür einen kompakten Koordinatenabstieg mit Liniensuche über alle freien Parameter (Ladungen, Fehlervarianzen,
ggf. Faktorkorrelation/Kreuzladung). Bei korrekt spezifiziertem Modell konvergiert er nachweislich exakt auf die
wahren Werte zurück.
Literatur
Hu, L. & Bentler, P. M. (1999). Cutoff criteria for fit indices. Structural Equation
Modeling, 6, 1–55. McNeish, D. & Wolf, M. G. (2023). Dynamic fit index cutoffs for confirmatory factor analysis models.
Psychological Methods, 28(1), 61–88. Marsh, H. W., Hau, K.-T. & Wen, Z. (2004). In search of golden rules: Comment on hypothesis-testing approaches
to setting cutoff values for fit indexes. Structural Equation Modeling, 11(3), 320–341. Brown, T. A. (2015). Confirmatory Factor Analysis for Applied Research (2nd ed.). Guilford. Rosseel, Y. (2012). lavaan: An R Package for Structural Equation Modeling. Journal of Statistical Software,
48(2). Kline, R. B. (2023). Principles and Practice of Structural Equation Modeling (5. Aufl.). Guilford Press. Hoyle, R. H. (Hrsg.) (2023). Handbook of Structural Equation Modeling (2. Aufl.). Guilford Press. Bühner, M. (2021). Einführung in die Test- und Fragebogenkonstruktion (4. Aufl.). Pearson Studium.