Ein Schuldistrikt führt ab Schuljahr 2 ein Förderungsprogramm (tägliches Tutoring) in einem Teil seiner Schulen ein — die Treatmentgruppe. Die restlichen Schulen dienen als Kontrollgruppe. Outcome Y: standardisierter Leistungstest. Ziel: Wie groß ist der kausale Effekt des Programms?
Naiver Vorher-Nachher-Vergleich scheitert: Die Schüler hätten sich auch ohne Programm verbessert (Reifung, allgemeiner Lehrplaneffekt). DiD löst das Problem mit einer Kontrollgruppe — sie zeigt, wie stark sich Schüler ohne Intervention entwickelt hätten.
Differenz der Differenzen: DiD = Δ_T − Δ_K = (β₁ + β₃) − β₁ = β₃
β₃ ist der Koeffizient des Interaktionsterms (Post × Treat). Er misst genau die zusätzliche Veränderung der Treatmentgruppe über den allgemeinen Zeittrend β₁ hinaus. Der Selektionsbias β₂ (zeitkonstanter Gruppenunterschied) fällt in der doppelten Differenz vollständig heraus — das ist die zentrale Stärke von DiD.
Der DiD-Schätzer β̂₃ identifiziert den Average Treatment Effect on the Treated (ATT) — den kausalen Effekt des Programms für genau die Einheiten, die tatsächlich behandelt wurden (hier: die Treatmentschulen).
ATT ≠ ATE (Average Treatment Effect über alle Einheiten): Wenn sich Treatmentschulen von Kontrollschulen systematisch unterscheiden (Selektionsbias, β₂ ≠ 0), ist der Effekt womöglich nicht auf alle Schulen verallgemeinerbar — wohl aber valide für die behandelten Schulen selbst. Darin liegt die Stärke und zugleich die Grenze von DiD.
Kontrafaktisches Szenario — Was wäre gewesen, wenn?
Ein kontrafaktisches Szenario beantwortet eine gedankliche Frage: Wie hätte sich die Treatmentgruppe entwickelt, wenn sie nicht behandelt worden wäre? Diese Situation existiert per Definition nicht in den Daten — jede Schule war entweder im Programm oder nicht.
Im DiD-Plot ist die gestrichelte grüne Linie das kontrafaktische Szenario: Sie zeigt, wie die Treatmentschulen sich vermutlich entwickelt hätten — nämlich parallel zur Kontrollgruppe. Diese startet aber am selben Punkt wie die Treatmentgruppe und impliziert, wo diese gelandet wäre, wenn sie sich genauso wie die Kontrollgruppe verändert hätte. Der DiD-Effekt β̂₃ ist genau die Lücke zwischen dem tatsächlich beobachteten Nachher-Wert der Treatmentgruppe und diesem kontrafaktischen Wert.
Das Parallel-Trends-Argument macht die kontrafaktische Annahme explizit: Ohne Intervention hätten sich beide Gruppen gleich stark verändert. Ist das plausibel, ist das Kontrafaktual sinnvoll rekonstruiert — und β̂₃ kausal interpretierbar.
→ Das Causal Teaching Tool zeigt kontrafaktische Potenzielle Outcomes im Rubin-Framework (Y(0), Y(1)) und erklärt, warum man nie beides gleichzeitig beobachten kann — das fundamentale Problem kausaler Inferenz.
β₂ misst den zeitkonstanten Unterschied zwischen Treatment- und Kontrollgruppe vor der Intervention. Wenn z. B. Schulen mit motivierteren Schülern am Programm teilnehmen (Selbstselektion), weichen ihre Ausgangswerte ab (β₂ ≠ 0).
DiD korrigiert dies automatisch: β₂ kürzt sich in der doppelten Differenz heraus — trotz großem β₂ ist β̂₃ unverzerrt. Das Szenario "Selektionsbias" und das Kombinations-Szenario illustrieren das.
① G1t1 − G0t1 (Querschnitt zum Nachher-Zeitpunkt): überschätzt den ATT, weil der Gruppenunterschied β₂ (Selektion, zeitkonstant) mit eingeht.
② G1t1 − G1t0 (Vorher-Nachher nur in der Treatmentgruppe): überschätzt den ATT, weil der allgemeine Zeittrend β₁ mit eingeht — die Gruppe hätte sich auch ohne Programm verbessert.
DiD korrigiert beide Verzerrungen gleichzeitig: β₂ kürzt sich in der doppelten Differenz heraus, β₁ ebenfalls. Beide orangen Pfeile ①② im Plot zeigen, wie weit die naiven Vergleiche daneben liegen.
DiD setzt voraus, dass sich beide Gruppen ohne Intervention gleich stark verändert hätten. Diese Annahme ist nicht direkt testbar, aber indirekt durch Vorperioden-Vergleiche prüfbar (Placebo-Tests). Der PT-Verletzungs-Slider erlaubt manuelle Exploration dieser theoretischen Gefährdung.
Grenzen & Robustheit
Antizipationseffekte: Ändert die Treatmentgruppe ihr Verhalten schon vor dem Programm, ist die Vorher-Messung kontaminiert. Spillover: Wenn die Kontrollgruppe indirekt von der Intervention profitiert, wird β₃ unterschätzt. Event Study: In der Praxis schätzt man DiD für mehrere Vor- und Nachher-Perioden, um Parallel Trends zu prüfen und dynamische Effekte sichtbar zu machen.
β₂ ≠ 0: Selektion — Gruppen unterscheiden sich schon vor der Intervention. DiD korrigiert β₂ automatisch.
①②: Im Kombinations-Szenario sichtbar — naive Vergleiche überschätzen den ATT.
PT-Verletzung ≠ 0: Theoretische Gefährdung — externe Störgröße differenziell in Treatment. Nicht direkt testbar; Slider zur Exploration.
Durchgehendes Beispiel
PostZeitpunkt: 0 = Schuljahr vor dem Programm, 1 = Schuljahr danachTreatGruppe: 0 = Kontrollschulen, 1 = Treatmentschulen (Förderungsprogramm)YOutcome: standardisierter Leistungstest (z-standardisiert)β₁Allgemeiner Zeittrend — wie stark verbessern sich Schüler ohnehin?β₂Zeitkonstanter Gruppenunterschied (Selektionsbias) — von DiD korrigiertβ₃Interaktionsterm Post×Treat — genau der DiD-Schätzer, kausal interpretierbar
Welchen kausalen Effekt hat das Förderungsprogramm — und wie trennt DiD diesen Effekt von allgemeinem Lernzuwachs und Selektionsunterschieden?
DiD-Plot — Vorher / Nachher
Warum ist β₃ genau der DiD-Schätzer?Y = α + β₁·Post + β₂·Treat + β₃·(Post×Treat) + ε
Δ_Kontroll = β₁ · Δ_Treatment = β₁ + β₃ · DiD = Δ_T − Δ_K = β₃
β₁ (Zeittrend) und β₂ (Selektion) kürzen sich in der doppelten Differenz heraus. β₃ = Interaktionsterm = DiD = ATT — der kausale Effekt für die behandelten Einheiten.
DiD vergleicht die Veränderung (Vorher → Nachher) der Treatmentgruppe mit der Veränderung der Kontrollgruppe. Die doppelte Differenz isoliert den kausalen Effekt: Y = β₀ + β₁·Post + β₂·Treat + β₃·(Post×Treat). Der Interaktionskoeffizient β₃ ist der DiD-Schätzer.
Warum die doppelte Differenz funktioniert
In der doppelten Differenz kürzen sich der allgemeine Zeittrend β₁ (beide Gruppen verbessern sich ohnehin) und der zeitkonstante Gruppenunterschied β₂ (Selektion) heraus. Übrig bleibt nur β₃ — der Teil der Veränderung, der zusätzlich in der Treatmentgruppe auftrat.
β₃ identifiziert den Average Treatment Effect on the Treated (ATT) — den kausalen Effekt für genau die behandelten Einheiten. Das ist nicht zwingend der ATE (Effekt über alle Einheiten): unterscheiden sich Treatment- und Kontrollgruppe systematisch (β₂ ≠ 0), gilt der Effekt valide für die Behandelten, aber nicht unbedingt verallgemeinerbar.
Die zentrale Identifikationsannahme: ohne Behandlung hätten sich beide Gruppen gleich stark verändert. Sie ist kontrafaktisch und nicht direkt prüfbar — aber über mehrere Vor-Perioden (Event Study) plausibilisierbar. Ist sie verletzt, enthält β₃ einen Bias und ist nicht mehr kausal interpretierbar.
Warum naive Vergleiche scheitern
① Nur Querschnitt nachher (Treatment − Kontrolle): überschätzt, weil der Selektionsunterschied β₂ mitgezählt wird. ② Nur Vorher-Nachher der Treatmentgruppe: überschätzt, weil der allgemeine Zeittrend β₁ mitgezählt wird — die Gruppe hätte sich auch ohne Programm verbessert. DiD korrigiert beide Verzerrungen zugleich.
Einordnung & verwandte Tools
DiD ist ein quasi-experimentelles Verfahren für Paneldaten: es nutzt eine Kontrollgruppe als Kontrafaktual, statt auf Variablen zu adjustieren. Verwandt: das Confounding-/Backdoor-Denken der kausalen Inferenz und andere Designs ohne Randomisierung. → Kausale Inferenz · → Regression Discontinuity · → Propensity Score Matching
Dasselbe wie eine Moderation
Mathematisch ist DiD nichts anderes als eine Moderationsanalyse: das Modell Y = β₀ + β₁·Post + β₂·Treat + β₃·(Post×Treat) ist exakt ein Interaktionsmodell Y = b₀ + b₁·X + b₂·W + b₃·(X·W) mit zwei binären Prädiktoren. Treat moderiert den Effekt der Zeit (und umgekehrt), und β₃ ist der Interaktions- = Moderationskoeffizient. Die beiden „Differenzen" sind die Simple Slopes der zwei Gruppen, ihre Differenz ist der DiD-Schätzer. Es ist dieselbe OLS-Regression — nur das Framing unterscheidet sich: die Ökonometrie nennt es DiD, die Psychologie Moderation. Wer das einmal sieht, muss die beiden nicht mehr getrennt denken. → Moderationsanalyse