In Beobachtungsstudien entscheiden Personen selbst, ob sie eine Behandlung T erhalten. Diese Selbstselektion führt dazu, dass Behandlungs- und Kontrollgruppe sich in beobachtbaren Merkmalen (Kovariaten X) unterscheiden, die auch das Outcome Y beeinflussen — das nennt man Konfundierung. Ein naiver Vergleich Y(T=1) − Y(T=0) schätzt nicht den Kausaleffekt, sondern mischt Effekt und Vorunterschied.
Beispiel: Erstsemester mit niedrigerem Abiturschnitt und geringerem SES nehmen häufiger am Mentoring-Programm teil. Naiv verglichen sieht das Programm wirkungslos aus — nicht weil es das ist, sondern weil die Teilnehmer schlechtere Ausgangsbedingungen hatten.
Der Propensity Score (PS) ist die bedingte Wahrscheinlichkeit der Behandlung gegeben alle gemessenen Kovariaten:
e(X) = P(T = 1 | X₁, X₂, ..., Xₖ)
Rosenbaum & Rubin (1983): Wenn die Behandlung bedingt auf X unabhängig von den potenziellen Outcomes ist (Ignorabilität), dann ist sie auch bedingt auf den einzigen Skalar e(X) unabhängig. Statt k Kovariaten simultan zu balancieren, genügt es, auf den PS zu konditionieren. In der Praxis wird der PS via logistischer Regression geschätzt.
Annahmen — Wann funktioniert PSM/IPW?
1. Ignorabilität (CIA / Unconfoundedness): {Y(0), Y(1)} ⊥ T | X — bedingt auf die gemessenen Kovariaten ist die Behandlung quasi-zufällig. Diese Annahme ist nicht testbar. PSM/IPW eliminiert nur Bias durch gemessene Kovariaten; ungemessene Confounders (omitted variable bias) bleiben ein Risiko.
2. Common Support (Positivity): 0 < e(X) < 1 für alle X. Jede Person muss theoretisch behandelt oder unbehandelt sein können. Verletzt, wenn ein Merkmal die Behandlung perfekt vorhersagt.
3. SUTVA: Kein Spillover zwischen Einheiten; T ist eine klar definierte Intervention.
Propensity Score Matching (PSM)
Beim 1:1 Nearest-Neighbor Matching wird jeder behandelten Person die Kontrollperson mit dem ähnlichsten PS zugeordnet. Das Caliper c begrenzt die maximale Distanz |e_i − e_j| ≤ c. Empfehlung: c = 0,2 · SD(logit(PS)) (Austin, 2011). Matching ohne Zurücklegen: jede Kontrollperson wird höchstens einmal verwendet.
Matching schätzt den ATT (Average Treatment Effect on the Treated): den Effekt bei denjenigen, die tatsächlich behandelt wurden. Behandelte ohne Match (außerhalb des Common Support) werden ausgeschlossen — das erhöht die interne Validität auf Kosten der Stichprobengröße.
Statt Personen zu matchen, erhält jede Person ein Gewicht, das den Selektionsmechanismus umkehrt. Für den ATT:
Behandelte: w = 1 · Kontrollen: w = e(X) / (1 − e(X))
Kontrollpersonen mit hohem PS (die eigentlich hätten behandelt werden sollen) erhalten mehr Gewicht — sie sind bessere Kontrafaktual-Doppelgänger. Das Ergebnis ist ein pseudo-randomisierter Datensatz. IPW ist effizienter als Matching (nutzt alle Daten), aber sensitiver bei extremen PS-Werten nahe 0 oder 1, bei denen Gewichte explodieren können.
Balance prüfen — Love Plot & SMD
Der Love Plot zeigt den Standardisierten Mittleren Unterschied (SMD) für jede Kovariate vor und nach Adjustierung:
|SMD| < 0,10 → gute Balance · |SMD| < 0,25 → akzeptabel · |SMD| ≥ 0,25 → substanzieller Restbias. Ein guter Love Plot zeigt, wie alle Kovariaten nach Adjustierung nahe an 0 wandern. Balance ≠ kein Bias: nur gemessene Kovariaten werden geprüft.
Welche Methode wählen?
PSM: Intuitiv, transparent (einzelne Paare zeigbar), konservativ (nur Common Support). Verlust von Kontrollfällen. Gut, wenn eine klare Vergleichbarkeit der Paare wichtig ist.
IPW: Effizienter (alle Daten), flexibel (ATE oder ATT). Sensitiv gegenüber extremen PS-Werten. Gut bei kleiner Stichprobe oder schlechtem Common Support auf der Matching-Seite.
Doubly Robust (DR): Kombiniert Outcome-Regression + IPW. Konsistent, wenn entweder PS-Modell oder Outcome-Modell korrekt ist. State of the Art in der angewandten Forschung (z.B. AIPW, TMLE).
Achtung: Alle Methoden scheitern bei unbeobachteten Confoundern. Instrumentalvariablen, Regression Discontinuity oder Difference-in-Differences sind dann geeigneter.
R-Pakete
MatchIt: Flexibles Matching (Nearest-Neighbor, Optimal, Genetic, CEM). WeightIt: IPW und weitere Gewichtungsmethoden. cobalt: Love Plot + Balance-Statistiken, kompatibel mit MatchIt & WeightIt. twang: PS via Gradient Boosting (GBM). CBPS: Covariate Balancing PS — schätzt PS direkt auf Balance optimiert.
Max. erlaubte PS-Distanz |eᵢ−eⱼ| für ein Paar. Kleiner = strenger (weniger, aber ähnlichere Paare).
IPW-Estimand
Ergebnisse
Behandelte (T=1)—
Kontrollen (T=0)—
Gematchte Paare—
Naiver Schätzer—
Matching ATT—
IPW ATT—
Wahrer Effekt τ—
📋 Beispiel — Mentoring-Programm
Eine Universität bietet ein freiwilliges Mentoring-Programm für Erstsemester an. Effekt auf Klausurerfolg gesucht. Problem: Studierende mit niedrigerem Abiturschnitt (X₁) und niedrigerem SES (X₂) nehmen häufiger teil — die Gruppen sind nicht vergleichbar.
①
Das Problem — Selektionsbias & Propensity Score
Behandelte und Kontrollen unterscheiden sich in Vormerkmalen (X₁–X₃). Der Propensity Score e(X) = P(T=1|X) verdichtet alle Kovariaten zu einem Skalar — und zeigt, wo die Gruppen überlappen (Common Support). Bei IPW zeigt die helle Fläche die gewichtete Pseudo-Population: wie sich die Stichprobe durch die Gewichte verschiebt.
Wird berechnet…
②
Die Korrektur — Kovariaten-Balance
Der Love Plot zeigt den Standardisierten Mittleren Unterschied (SMD) je Kovariate vor und nach Adjustierung. Ziel: alle |SMD| < 0,10 (grüne Zone). Ein ausgeglichener Love Plot bedeutet: die Gruppen sind nach Adjustierung vergleichbar.
Kovariate
SMD vorher
SMD Matching (ATT)
SMD IPW
③
Der Effekt — Kausale Schätzung
Der grüne Strich markiert den wahren Effekt τ (im Simulationsmodell bekannt). Wie nah kommen die Schätzer heran? Der naive Vergleich zeigt den Bias — adjustierte Methoden sollten sich der Wahrheitslinie annähern.
e(X) = P(T=1|X) — die bedingte Behandlungswahrscheinlichkeit. Rosenbaum & Rubin (1983): Wenn Y(0),Y(1) ⊥ T | X, dann auch Y(0),Y(1) ⊥ T | e(X). Mächtige Dimensionsreduktion: k Kovariaten → 1 Skalar. Wird meist via logistische Regression geschätzt.
PSM/IPW setzt Ignorabilität (CIA) voraus: bedingt auf X ist T unabhängig von Y(0),Y(1). Das eliminiert Bias durch gemessene Kovariaten. Ungemessene Confounder verursachen weiterhin Bias — PSM/IPW ist kein Allheilmittel.
1:1 Nearest-Neighbor Matching
Jeder behandelten Person wird die Kontrollperson mit dem nächsten PS zugeordnet (ohne Zurücklegen). Das Caliper c begrenzt die maximale Distanz. Empfehlung: c = 0,2 · SD(logit(PS)). Ohne Caliper: garantiert ein Match, aber evtl. schlechte Qualität.
Nur im Überlappungsbereich der PS-Verteilungen ist Schätzung valide. Behandelte mit PS ≈ 1 haben keine ähnlichen Kontrollen — sie werden beim Matching ausgeschlossen. Bei IPW bekommen diese Einheiten extreme Gewichte (w → ∞) — Clipping oder stabilisierte Gewichte nötig.
Je nachdem, wessen Perspektive der Zielparameter einnimmt, werden unterschiedliche Gruppen reweightet: ATT (wT=1, wK=e/(1−e)) hält die Behandelten fest und formt die Kontrollen zu ihrem Gegenstück um. ATU macht es umgekehrt (wT=(1−e)/e, wK=1). ATE (wT=1/e, wK=1/(1−e)) reweightet beide Gruppen zur Gesamtpopulation. Unterschiedliche Gewichte → unterschiedliche Pseudo-Populationen (siehe Plot oben). Wann sich ATE, ATT und ATU auch rechnerisch unterscheiden (heterogene Effekte, HTEB) und wie man sie interpretiert, zeigt Kausale Inferenz — Grundlagen im Detail.
Love Plot & SMD
SMD = (μ_T − μ_K) / SD_gepooled. |SMD| < 0,10 → gute Balance · < 0,25 → akzeptabel. Der Love Plot zeigt Balance für alle Kovariaten simultan — vor und nach Adjustierung. Balance gilt nur für gemessene Variablen.